Szene-Extra: Rockmusik im Reihenhaus (alter Bericht)

Rockmusik im Reihenhaus - Das Online-Radio „rockradio.de“ holt Newcomer-Bands ans Mikro. Radiohören über Zimmerantenne? Völlig out. Längst übertragen die meisten UKW-Radiostationen ihr Programm auch über das Internet – und Verzeichnisse wie „radio.metagrid.de“, „surfmusik. de“ oder „radioweb.de“ listen 3000 bis 6500 Online-Radios auf, die ausschließlich oder auch im Web senden. Viele „Nur-Webradios“ wollen vor allem eines: sich von der Masse abheben. So wie „rockradio.de“, das auch ein Studio in Franken betreibt.
Von außen deutet nichts darauf hin, dass aus dem Reihenhaus mit Gartentörchen und Ostereier Deko über dem Eingang rockiges Radioprogramm in die ganze Welt hinausgestrahlt wird. Zumal dieses Reihenhaus nicht etwa in einer Medienstadt wie Köln oder Hamburg steht - sondern im Rednitzhembacher Ortsteil Walpersdorf. Jeden Donnerstag wird Mark Paelloth von hier aus zum „Soundchecker“, zu hören auf www.rockradio.de im Netz.
Höflich wird der Besucher am Eingang angewiesen, doch bitte die Schuhe auszuziehen — dann geht’s an Küche und Schlafzimmer vorbei ins selbstgebaute 20-Quadratmeter-Sendestudio im Dachgeschoss. „Das ist meine Form von Modelleisenbahn“, sagt der 35-jährige Mark und deutet stolz auf das Equipment: Mischpult, Laptops, CD-Player, mehrere Webcams, PC-Monitore, zig Steckdosen, Kabel und Hunderte CDs. Rund 5000 Euro hat der Hobby-Moderator in die Ausstattung seines Studios gesteckt.
Seit zwei Jahren sendet rockradio.de im Netz - und Mark war von Anfang an dabei. Das Online Radio funktioniert als Verein mit zahlenden Mitgliedern, eine eigene Sendung zu machen wie Mark, ist reines Hobby. „Ich hatte die Schnauze voll vom Dudelfunk“, erklärt er seine Motivation, „viele Bands und vor allem Newcomer bleiben bei den kommerziellen oder großen Radiosendern doch auf der Strecke.“ Das Hauptstudio von rockradio.de, sprich ein großer Server, steht in Berlin. In den Zeiten, in denen keines der 45 aktiven Mitglieder eine Live-Sendung fährt, laufen von hier aus vorprogrammierte mp3-Streams vom PC. Donnerstags von 20 bis 22 Uhr ist „Soundchecker“-Zeit. Redakteur und Moderator Mark, der im Alltag sein Geld als Sachbearbeiter bei Quelle verdient, will hier jungen Bands eine Plattform bieten. Heute hat er „13sane“ aus Fürth zu Gast. Vor zwei Jahren gewannen die fünf Jungs die NN Rockbühne und längst sind sie in der Region keine Unbekannten mehr.
20 Uhr, die Sendung geht los. Mark sitzt mit Kopfhörern vor PC und Mischpult, klickt wild durchs Sendeprogramm, der Rechner in Berlin dudelt den Jingle für seine Show. „Jetzt muss ich aufpassen, dass ich rechtzeitig drauf gehe.“ Sänger Mark (21) und DJ Anton (22) von „13sane“ sind gerade eingetroffen und genehmigen sich erstmal ein Bier, bevor sie auf den Barhockern auf der anderen Seite des Sendepults Platz nehmen.
Der erste Song, den Hobby-Moderator Mark ins Web jagt, läuft. Schnell werden noch die Kopfhörer von Mark und Anton gecheckt. „Nee, so nicht! Ihr müsst sie erst einschalten. Und immer schön ans Mikro ran!“ Eine Webcam schickt Live-Bilder der Besucher direkt ins Netz, per Chat können die Zuhörer Mark und Anton Fragen stellen oder Kommentare zu ihrer Musik abgegeben. „Die Sendung läuft voll Freestyle-mäßig ab“, erklärt Mark seinen Gästen, „so als ob wir uns auf der Straße treffen und quatschen.“ Und Achtung: Die Mikros sind an. Erste Frage: „Was macht ihr für Musik?“ „Irgendwo zwischen Nu Rock und Alternative mit deutschen Texten, ein Mix mehrerer Stile eben, aber auf keinen Fall langweilig“, antwortet Sänger Mark artig ins Mikrofon. Dann rauscht der erste Song der mitgebrachten Demo-CD aus dem CD Player im Rednitzhembacher Dachgeschoss ins weltweite Netz
Wie das funktioniert? Die Webradio- Software wandelt die Audio-Daten der CD in einen mp3-Stream um. Der saust per DSL-Verbindung auf den Server eines Internetproviders. Hier wird er für User aus A wie Alaska bis Z wie Zypern auf der rockradio.de-Seite hörbar. Das Telefon klingelt: „Hallo, hier ist der Mark von rockradio.de!“ Über die Sendernummer 0700-rockradio hat sich „13 sane“-Gitarrist Christoph per Handy in die Live-Sendung eingeklinkt und philosophiert über sein Bassisten-Dasein.
300 bis 500 Hörer verfolgen eine Sendung auf rockradio.de im Schnitt, weiß Mark. Mit den Quoten von Stationen wie N1 oder Antenne Bayern kann ein Nischen-Online-Radio natürlich nicht mithalten. „Ich will aber nicht nur Tralala ins Mikrofon reinlabern“, sagt der Freizeit-Radiomann, der früher als DJ in Discos gejobbt hat und bereits bei einigen anderen (Online-) Radios mitgewirkt hat. „Ich wollte einfach ein Radio machen, das auf mich zugeschnitten ist, was meine Welt ist. Auf Masse kommt es da nicht an.“
KRISTINA BANASCH


 

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